Liebe Leserin, lieber Leser,

ich freue mich, Dir heute einen weiteren Gastbeitrag vorstellen zu dürfen.

Petra Mecklenburg war am 18.09. gemeinsam mit mir und weiteren 3 entschlossenen Menschen in Berlin. Wir folgtem dem Aufruf “Zeit es zu beenden” und machten dabei unsere ganz eigene Erfahrung. Petra betreibt die Internetseite www.erkennedichselbst.org und den Telegrammkanal freihoch13. Sie hat ihre und damit weitgehend unsere Eindrücke zusammengefasst und mir erlaubt, sie hier für Dich zu veröffentlichen.

Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen ihrer klaren und humorvollen Darstellung unseres Erlebens beim, leider misslungenen, Versuch, es zu beenden. Mit Vergnügen empfehle ich Dir auch Petras Texte und Essays

 

Petra Mecklenburg

Eiermilchlegende Wollmilchsau, Sudoku, Hase und Igel Tanz

Meine Betrachtungen zum 18.9.2021

Berlin am 18. war eine individuelle Heldenreise – also, weil sehr viele Menschen unterwegs waren, ein Muster aus unzähligen individuellen Heldenreisen. Ein Aspekt war natürlich, dass äußerlich nicht erkennbar war, ob Menschen, die dort herumliegen, als Touristen dort waren oder als Freie Menschen bzw. Menschen im freien Selbstausdruck. Gleichzeitig hat mensch es natürlich meist doch sofort erkannt.

Gleichzeitig konnte niemand wirklich genau wissen, wo es jeweils wann hingehen sollte, weil genau das ja auch die andere Seite nicht wissen sollte.

Gleichzeitig gab es zwei (oder evtl. 3) angemeldete Demonstrationen im Bereich Brandenburger Tor – eine von den Abtreibungsbefürwortern (wobei Abtreibung ja im Augenblick noch unter der Geburt möglich werden soll – d.h. es geht um das Ansinnen der Umdefinition von Kindesmord in Abtreibung), eine Gegendemonstration dagegen – diese Menschen kamen aus dem christlichen Bereich und trugen vielfach Holzkreuze als Zeichen –
und dann gab es auch was in Richtung amputierter Regenbogen (der mit den 6 Farben) – ich nenne es jetzt einfach mal Malkasten – und eine Riesenmenge Polizei überall um diese Demonstrationen herum, und auch sonst weiträumig – und von der Bühne mindestens einer Demo am Brandenburger Tor, wo sich vieles ballte, eine Bühne mit lautschallender Stampfmusik und Rednerbeiträgen … Das war so die Gemengelage 😉

Auf Telegramm und in persönlichen Telefonaten zwischen Freunden, die über die Innenstadt verteilt waren und versuchten, sich zu treffen („Wo seid ihr grade?“ „Was ist bei euch grade los?“) wurden in unberechenbarer Abfolge und leicht verhuscht und oft in Form von kleinen Rätseln unterschiedliche mögliche oder vermutete Sammelpunkte weitergereicht. Außerdem gab es verständlicherweise die Losung, erst mal in kleinen Gruppen zu bleiben und die Stadt touristisch zu erkunden, denn fast überall, wo Menschen waren in Richtung Innenstadt, waren auch Menschen in Uniform und langsamfahrenden Autos unterwegs …

Je näher mensch dem Brandenburger Tor bzw. der Innenstadt kam, desto näher kam man vielfachen Absperrungen, die wahrscheinlich aber u.a. auch den angemeldeten Demonstrationen galten aber den öffentlichen Gebäuden schon auch … das ganze war entschieden etwas für SUDOKU Fans, und so waren auch die Gespräche unterwegs … ich denke, es wurden einige neue Freundschaften und viele neue Vernetzungen geknüpft 🙂 Mir kam währenddessen immer nur Hase und Igel – später, in der Rückschau, dann aber eben auch das Bild, dass das Ganze dem Versuch gleichkam, eine eiermilchlegende Wollmichsau zu gebären, die dann alles beendet.

Das Schwierigste war die psychologische Seite, weil jeder Mensch auf seine Weise auf diese Hase/Igel bzw. Sudoku Situation reagierte – klar. Wie sollte es auch anders sein.
Es gab im Außen NICHTS, woran man sich festhalten, an was man sich auch nur einigermaßen verlässlich orientieren konnte, und da die Losung eben zu Anfang aus Sicherheitsgründen war, in kleinen Gruppen unterwegs unauffällig in gewisse Richtungen auf Nebenwegen zu wandeln, während die Präsenz der Beobachter immer mehr wurde und so langsam die angemeldeten Demonstrationen ihre Züge über die eine oder andere Straße machten – im Hintergrund die dröhnende Musik, kam es irgendwie auch nie zu einem Sammeln der kleinen Gruppen – ich wüsste auch nicht, wie es hätte gehen sollen.
So waren viele voll frustriert, die anderen noch zuversichtlich, einige – wie ich – können einem solchen Mäandrieren durchaus etwas abgewinnen, weil es einfach auch alles an Resilienz fordert, gleichzeitig fühlte ich eine große Ratlosigkeit, wie sich das in etwas konkret Zielführendes auflösen soll; einige, besonders natürlich auch welche, die von weither kamen oder schon zum x.ten Mal in Berlin waren, waren verständlicherweise echt frustriert – es gab eine Unzahl von unterschiedlichen Sichtweisen zur Lage, auch in der Fünfergruppe, in der ich war, hatten wir mindestens drei wenn nicht mehr verschiedene Sichtweisen und Verarbeitungsformen und ich denke, in den anderen Gruppen wird es vielfach ähnlich gewesen sein – die Gruppen waren natürlich auch nicht statisch, manchmal verlor sich jemand und jemand neues stieß dazu …

Insgesamt wurden wir auf freundliche Nachfrage mal durch Absperrungen durchgelassen und dann auch wieder nicht, niemand behelligte uns wegen Abstand oder Gesichtsverhüllung, wir fuhren (als einzige meist) Bahn mit Gesicht und waren unbehelligt und unkommentiert G-los in einen riesigen Restaurant zum Essen, umgeben von verhüllten Mündern und Nasen – es war natürlich sehr ermutigend, und trug zudem zur Skurrilität des Ganzen bei.

Was uns und auch mir wirklich ein großes Rätsel war und noch ist: Warum niemand auch nur einen einzigen Traktor sehen konnte … ??? Irgendwie wird sich das wahrscheinlich auflösen – es fühlte sich aber so ein wenig an, als sei die Geschichte von den Bauern mit den Traktoren von einem anderen Planeten … weil es eben nicht so war, dass nur vereinzelt Trekker zu sehen waren, sondern dass ich zumindest niemand getroffen habe, der irgendwo oder auch unterwegs auf den Zufahrtsstraßen auch nur einen einzigen gesichtet hätte.

Also es war alles sehr skurril, frustrierend, herausfordernd, abenteuerlich, humorig, menschlich, verwirrend, aufschlussreich, ratlos machend – ich glaube, aufs Kollektiv gesehen war eines der Hauptgefühle Frust und Ratlosigkeit/Resignation, aber die genaue Mischung bei jedem einzelnen war eben, wie sollte es auch anders sein, sehr eigen-artig. Nicht bei allen überwogen Frust und Ratslosigkeit und es gibt viele (ich gehöre auch dazu), die das Ganze als Übung, Herausforderung, Resilienzprobe, „mal sehen was noch so geht“ und Koan sehen, den es zu lösen gilt, mit der Zuversicht, dass er auch gelöst werden wird.

Aus meiner Sicht konnte es bei dieser Gemengelage an dem Tag nur so laufen, wie es gelaufen ist.
Der Blick über die Grenzen hilft uns da auch nicht weiter, denn obwohl die Menschen in aller Welt gehirngewaschen sind, haben wir hier im Land eben noch den Spezialwaschgang von Bletchley Park hinter uns – 75 Jahre – und wir sind ja auch vom Naturell her Dichter, Denker, Handwerker und Friedliebende Menschen – deshalb finde ich es psychologisch auch wenig fruchtbar, wenn wir denen noch auf dem Sofa sitzenden zurufen: „Was sitzt ihr da rum?!?!?!?!? Kommt mit?!?!?! Seid ihr Schafe oder was?!?!?“
Auf die Art verstärkt sich meiner Ansicht nach nur das, was eh schon 75 Jahre gelaufen ist: Schuld- und Schamzuweisungen von Außen, die ein traumatisierte Kostüm treffen – wer nur auf die Art vom Sofa kommt – ich weiß nicht wirklich, ob der in einer Verfassung ist, was Neues mit auf die Beine zu stellen.

Das Ganze, was ich oben geschildert habe, gleicht für mich dem Versuch, eine eierlegende Wollmichsau zu gebären: eine kernige große Zahl von innerlich gefestigten freien und bewussten friedlichen und doch wehrhaften Menschen zu einem bestimmten Zweck zu versammeln – während gleichzeitig auf dem Weg dahin jeder psychologisch an seine Grenzen Ich bin mir nicht mal sicher, ob es an dem Tag anders hätte verlaufen können, wenn mehr Menschen dort gewesen wären, es hätten aus meiner Sicht schon soviele sein müssen, dass sie aus allen Bahnen und Straßen herausgequollen wären, denn woran es ja haperte und wegen der Hase/Igel Taktik hapern musste waren ja klare Vorgaben und wenn es sie gab, mussten sie verschlüsselt kommuniziert werden … Guerilla kommt mir auch noch als Bild – —

Ich bin mir auch nicht sicher, wieweit die Präsenz der angemeldeten Demonstrationen (die sich jeweils auf bestimmte eher klein gehaltende Straßen beschränkten, nur eben vor dem Brandenburger Tor die Bühne hatten) wirklich etwas verhindert hat – aus meiner Sicht hat es nur der eiermlichlegenden Wollmichsau noch eine paar Aspekte hinzugefügt.

Alles in allem musste ich auch immer wieder an die astrologische Analyse denken, die ich Anfang September für die astrologische Gemengelage am 18. hier eingestellt habe, und wo ich mich fragte (die Frage blieb offen): Reicht diese Marskonstellation aus für zielführende Aktionen? Dass es kein Prügelwochenende werden würde, danach sah es schon sehr aus und das war es dann ja auch überhaupt nicht – ich hatte mich nur gefragt, ob die Marskraft (Tatkraft, Entschlossenheit, „in die Pötte kommen“, „Butter bei die Fische tun“ …) genügen könnte, etwas in Richtung einer Speerspitze auf die Beine kommen zu lassen – was dann ja nicht geschehen ist – damit ist im Nachhinein meine Frage zur Marsstellung an dem Tag beantwortet. Das jetzt aber nur am Rande, zur Hauptsache, um die es weiter geht, trägt es natürlich eher wenig bei.

Meine Losung ist:
SO GEHT ES NICHT,
WIR WERDEN HERAUSFINDEN/
ES WIRD SICH ZEIGEN, WIE ES GEHT –
DENN GEHEN WIRD ES – da bin ich mir sicher
und im Nachhinein werden wir – so stelle ich es mir immer vor –
sagen: WIE WUNDERBAR HAT ES SICH DANN DOCH,
nachdem aus alter Sicht alles verloren schien,
GELÖST
Es brauchte einfach ein paar Mäandrierungen gemischt mit Kreativität und Lust am Tanzen

petra
20.09.2021